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Qualifikationen für die Olympischen Spiele 2012 - Hinter den Kulissen

Kategorie: News
25.04.2012 11:27 -

Bild ETTU courtesy

In Luxemburg kämpften 5 Tage lang 69 Herren und 57 Damen jeweils um 11 Plätze bei den Olympischen Spielen in London 2012. Das System der Qualifikationen haben nicht nur die wenigen Zuschauer sondern gar viele Trainer und Spieler nicht so recht verstanden. Wie bekannt können bei den Spielen in London erstmals nur 2 Spieler von jedem Verband im Einzel antreten, der dritte Spieler kann nur im Mannschaftswettbewerb spielen. Da viele Verbände wie beispielsweise Deutschland, Schweden, Rußland oder die Niederlande bei den Damen schon über die Weltrangliste 2 qualifizierte Teilnehmer für Einzel haben, konnten Teilnehmer aus diesen Ländern sich nicht für Einzel qualifizieren. Daher mussten sie darum kämpfen auch den dritten Spieler vom Verband in die Mannschaft einziehen zu lassen und sich somit für den Mannschaftswettbewerb zu qualifizieren. Viele haben gedacht, dass sich 11 Spieler und 11 Spielerinnen aus Europa in Luxemburg für Einzel in London qualifizieren, doch dem war nicht so - zum Beispiel waren bei den Herren unter den 11 qualifizierten drei Spieler welche sich nur für den Mannschaftswettbewerb qualifizierten. Diese drei Plätze wurden dann nicht von Spieler besetzt, welche sich als erste drei Reserven bei den Europa Qualifikationen platzierten. Sondern sie werden zu den 4 Plätzen für Einzel bei den Weltqualifikationen in Doha hinzu gerechnet, was natürlich bedeuten kann, dass diese Plätze von nicht europäischen Spielern besetzt werden.
Zuschauer zeigten so gut wie kein Interesse für ein solch undurchsichtiges System. Am letzten Tag, als die drei letzten Plätze für London ausgespielt wurden, waren in der riesigen Halle kaum mehr als 30 Zuschauer!!
Abgesehen von der Zuschauer Katastrophe war die Veranstaltung absolut korrekt organisiert. Das Europa im Tischtennis große Probleme hat, konnte nicht verborgen bleiben. Über die Weltrangliste haben sich direkt mehrere europäische Spieler und Spielerinnen qualifiziert, welche über 4o Jahre alt sind und somit auch bei den Veteranen Weltmeisterschaften spielberechtigt sind - wie zum Beispiel Persson (45), Primorac (42), Kreanga (41), Saive (42), Schlager (41) oder Spielerin Ni Xialian (48!!). In Luxemburg gab es mit ganz wenigen Ausnahmen im Teilnehmerfeld sowohl bei den Herren wie auch bei den Damen kaum junge Spieler - in Europa wird man noch mit 25 Jahren als junger Spieler betrachtet, in Asien sind Teenager junge Spieler! In Luxemburg waren am Start auch Korbel (41), Bentsen (43) und Chtschetinine (43), He Zhiwen (Spanien) hat sich sogar qualifiziert und wird mit seinen 50 Jahren (!!) sicher der älteste Teilnehmer im ganzen Tischtennis Teilnehmerfeld sein. Er war schon 1985 bei den Weltmeisterschaften dabei, damals noch als chinesischer Nationalspieler.

Für Europa ist es ein ganz schlechtes Zeichen, dass es bei den Spielerinnen und Spielern welche die Vorrunde überstanden haben, also lediglich bei der besseren Hälfte der Teilnehmer EINE Spielerin unter 20 gegeben hat und dazu noch drei Spieler und eine Spielerin welche noch mit U 21 mitspielen durften! Bei den Damen qualifizierten sich Spielerinnen wie Chinesinnen Tian (37, Kroatien), Xian (34, Frankreich), Li (25, Österreich), Tan (38, Italien). Bei den Herren war der schon erwähnte He Zhiwen mit 50 Jahren dabei. Auch als neuer Star (!!?) war der 33 jährige Ungar Pattantyus oder der serbische Spieler Jevtovic (25) aus der II. Liga in Frankreich dabei, ein Spieler welcher noch nie mit seinen Ergebnissen und seinen Trainingsaufwand aufgefallen ist. Ungar Zwickl, in der Weltrangliste an Platz 200 zu finden, war eine der großen Überraschungen des Turniers - allerdings ist der 28jährige kein Vollprofi mit Zukunft, sein größter Erfolg war 1999 Schüler Europameister zu werden, später hat er sich voll seinem Studium gewidmet. Europa möchte an China anschließen, jedoch schlägt europas Jugend sich mit Indien, Ägypten und Brasilien herum. Wobei der Abstand zu China und Asien immer größer wird. Europas Hoffnungen werden lediglich durch Deutschland bei den Herren und Frankreich bei der Jugend am Leben gehalten - bei den Damen kann wohl die seit Jahren beste europäische Mannschaft, die Niederlande, mit zwei älteren chinesischen Spielerinnen und der 43 jährigen Timina(ehemalige russische Nationalspielerin) nicht als Mannschaft der Zukunft gelten!

- Glück muss man haben!
Auslosung hat eine große Rolle gespielt - in der K.O. Runde hat es Paarungen gegeben in denen die Nr. 26 und 43 in der Weltrangliste gegeneinander angetreten sind und eine andere Paarung setzte sich aus den Spielern Nr. 221 und Spieler Nr. 157 zusammen! Die Ranglistenplatzierung verschiedener Spieler war besonders bei den Herren am Ende nicht entscheidend - platziert haben sich Spieler wie Zwickl (Nr. 200), Jevtovic (Nr. 157), Pattantyus (Nr. 133), dagegen haben sich Spieler wie Keinath (51), Apolonia (46), Gacina (58) nicht qualifiziert. Größter Pechvogel war unumstritten Tiago Apolonia - kurz bevor direkte Plätze über die Weltrangliste vergeben wurden, war Apolonia weit über dem Strich. In den letzten Wochen vor der Vergabe der Plätze schaffte er es bei 5 Turnieren hintereinander in der ersten Runde aus zu scheiden und durch die so "verdienten" Negativpunkte rutschte er einen Platz unter den Strich!! Dabei hätte es ihm genügt ein Tournier auszulassen und somit sich weniger Negativpunkte zu verdienen. Es hätte ihm auch genügt wenn er beim fünften Turnier nur eine Runde weitergekommen wäre - wobei er im Spiel gegen Bentsen schon 3:2 und 9:5 vorne lag und im siebten Spiel mit 10:7 drei Matchbälle gehabt hat! So musste Apolonia in die Qualifikation. Das Pech verfolgte ihn jedoch weiterhin - die Weltmeisterschaften konnte er wegen Verletzung nicht mitspielen, fing mit dem Training erst wenige Tage vor dem Qualifikationsturnier an! Jetzt bleibt ihm nur noch die Hoffnung, dass es für verbleibende Weltqualifikationen besser läuft.

Der ungarische Nationalspieler Pattantyus, Nr. 133 der Welt und 33 Jahre alt, ist erst in den Nationalkader vorgerückt. Als junger Spieler war er Ende der neunziger Jahre in dem Nationalkader, wurde danach jedoch als Spieler ohne Perspektive abgeschrieben und jetzt neuer ungarischer Starspieler!! Er hätte es fast geschafft Apolonia den Titel des größten Pechvogels streitig zu machen - er spielte überraschen gut, kam schon am ersten Finaltag ins Endspiel aus welchem der Sieger sich für London qualifizierte. Er verlor dieses Endspiel, kam am Tag danach wieder ins Endspiel der nächsten Runde, verlor wieder, nächste Runde kam er zum dritten Mal ins Endspiel, verlor wieder. Jetzt bekam er noch eine Chance, Verlierer beider Endspiele am letzten Tag spielten noch um den dritten Platz, welcher die letzte Fahrkarte für London brachte. Nach großem Kampf setzte sich Pattantyus diesmal durch und überlies so den Titel des größten Pechvogels Apolonia!


Schiedsrichter Geschichten
Selten gibt es bei einem größeren Turnier keine Reibereien zwischen Spielern und Trainern auf einer Seite und Schiedsrichtern auf der anderen Seite. Es war gut, dass es diesmal wenig Diskussionen um Aufschläge gegeben hat - entweder haben alle Spieler richtig aufgeschlagen oder die Schiedsrichter haben ein Auge zugedrückt, jedenfalls wurden wesentlich weniger Aufschläge weggezählt als es sonst üblich ist. Natürlich gab es wieder Situationen bei denen zum Beispiel beim Stand 9:9 dem Schweden Lundquist ohne Vorwarnung ein von der Seite gesehen normaler Aufschlag weggezählt wurde und er deswegen beinahe das entscheidende Spiel verloren hätte. Mit den Schlägern hat es keine Disqualifikationen gegeben, es wurden auch nicht so theatralisch wie bei der WM die Schläger vor dem Spiel kontrolliert. Andererseits hat es gelbe und rote Karten nur so gehagelt. Wenn man diese Karten zusammenzählen würde könnte man denken, dass im Tischtennis Spieler und Trainer sich äußerst unsportlich benehmen, dabei ist Tischtennis eine der fairsten Sportarten! So wie früher Cowboys ihre Pistolen schussbereit gehalten haben, so halten etliche Schiedsrichter ständig ihre gelben und roten Karten zum ziehen bereit. Für Vergehen, die nur bei strengster oder sinnloser Regelauslegung geahndet werden, hagelt es Karten, erst recht wenn ein Trainer bei den Schiedsrichtern einen schlechten Ruf hat! Lachnummer war wieder einmal der Globetrotter Milan Stencl - der ehemalige Nationaltrainer von Belgien, Luxemburg, Frankreich, Niederlande, Italien und Kroatien sowie Bundesliga Trainer. Als Pensionär in Luxemburg lebend, wurde von dem kroatischen Verband gebeten als Betreuer Hilfe zu leisten. In seiner aktiven Zeit war Stencl bekannt für seine Auseinandersetzungen mit den Schiedsrichtern, so gut wie kein Turnier konnte er ohne gelbe und rote Karten überstehen. In Luxemburg coachte er im ersten Spiel die Kroatin Molnar, gleich im ersten Satz bekam er die gelbe Karte, im zweiten Satz die rote Karte! Er hat die Karten nur wegen seinem schlechten Ruf bekommen. Im Fußball hätte er wahrscheinlich für sein Benehmen einen Fairplay Preis bekommen! Verwunderlich war, dass er nicht protestierte, und mit Achselzucken vom Tisch wegging, eine solch zurückhaltende Reaktion ist man von ihm nicht gewöhnt!


Die Zeit vergeht schnell!
In Luxemburg nahmen mehrere Spieler teil, welche vor einiger Zeit als große Hoffnungen gehandelt wurden und bis heute nicht weitergekommen sind - so war der englische ehemalige Jugendeuropameister Drinkhall zu Hause schon wie ein zukünftiger Weltmeister gehandelt worden, heute hatte er jedoch keine Chance sich für Olympia zu qualifizieren. Sein Nachfolger, der junge Pitchford war auch in Luxemburg dabei - er ist ein sehr talentierter Spieler, doch wurden in Luxemburg Hefte mit Artikel über ihn verteilt, Hefte in welchem er als zukünftiger Kandidat für Olympia Gold gehandelt wird. Schülereuropameister 1999 Zwickl aus Ungarn wurde seiner Zeit genauso als Riesentalent gehandelt, kam erstmals mit 28 zu einem nennenswerten Erfolg, konnte sich für London qualifizieren! Der Sprung aus der Jugend zu den Herren oder Damen wird immer schwieriger, immer mehr Europäer verlieren sich auf diesem Weg, Vorschusslorbeeren sind trügerisch!

Für manche Damen ist die Zeit schnell vergangen - Tamara Boros (Kroatien) und Tan Monfardini (Italien) spielten nach ihrem Match bei den Europameisterschaften 2003 wieder einmal um die Wurst, doch bei ganz veränderter Lage. Damals waren beide Damen absolute Spitze in Europa, spielten im Endspiel der Europameisterschaften ein entscheidendes Spiel um Gold im Mannschaftswettbewerb, welches dann Italien vor Kroatien gewann. In Luxemburg versuchten beide sich für Olympia zu qualifizieren, beide schon nicht mehr unter den besten 100 in der Weltrangliste! Beide trafen aufeinander und wie 2003 gewann auch diesmal Tan Monfardini, qualifizierte sich für Olympia, Boros blieb ohne Olympia Fahrkarte.


Geschichten aus der Halle
Die in Luxemburg anwesende Seniorenriege ist außer He Zhiwen sehr enttäuscht nach Hause gefahren. Bentsen (43) und Korbel (42) mussten schon nach den Vorrunden ihre Hoffnungen begraben, Chtschetinine (43) und Timina (43) schafften es in die Hauptrunde, jedoch nicht weiter.


Es wurde erzählt, dass die französische 34jährige Abwehrspielerin Xian aus China einige Monate vor Luxemburg mit Tischtennis aufhören wollte, sie wurde aber vom Verband noch überredet die Olympia Qualifikationen mitzumachen und schaffte es auf Anhieb! Die 37jährige Kroatische Chinesin Tian schaffte es auch, wobei sie schon über 10 Jahre in Kroatien lebt, aber bis vor einem Jahr nicht in die Nationalmannschaft einberufen wurde, weil sie nicht gut genug war !?! In einer Runde spielte Tian gegen Xian, eine französische Gruppe hielt die Daumen der französischen Chinesin, eine Gruppe Kroaten der kroatischen Chinesin!


Der niederländische Sportdirektor Achim Sialino ärgerte sich über das Qualifikationssystem. Bei den Weltmeisterschaften in Dortmund wurde gesagt, dass sich die ersten 10 Mannschaften für London qualifizieren - nach dem sechsten Platz der Damenmannschaft gratulierten holländische Reporter dem Verband auf der Qualifikation. Sialino musste der Presse erklären, dass sich Timina noch als dritte Spielerin in Luxemburg qualifizieren muss. Die Reporter fragten danach was Timina in Luxemburg zu suchen hat, dort sind ja Qualifikationen für Einzel. Als Sialino das ganze System erklärte gaben die entnervten Reporter auf - er solle sich dann wieder melden wenn klar ist ob sich die Mannschaft qualifiziert hat. Timina hat sich in Luxemburg nicht für die besten 11 platziert und so bleibt der besten europäischen Mannschaft noch eine schwache Hoffnung, dass es bei den Weltqualifikationen besser laufen wird, ansonsten wird der sechste Platz von der WM nicht viel nützen.


Sten Hansen war dänischer Trainer und Sportdirektor, danach spanischer, später englischer und jetzt wieder spanischer Sportdirektor. In Luxemburg wurde er gefragt wie ist es mit Tischtennis in diesen Ländern steht, worin liegt der Unterschied? Nach seiner Meinung ist Dänemark gut organisiert aber klein, mit wenig Spielern, England hat einen Aufschwung erlebt, jedoch geht es jetzt wieder bergab - das Nationalzentrum in Sheffield verliert an Bedeutung, die besten Spieler fliehen ins Ausland. In Spanien ist es wichtiger als Region gegen andere Regionen zu gewinnen als gemeinsam den Sport Tischtennis auf Vordermann zu bringen. Als europäisches Problem hebt er die Tatsache in den Vordergrund, dass junge Spieler zu wenig an sich arbeiten, zu früh dem Geld nachlaufen.


Ilie Lupulescu hat man überraschenderweise in Luxemburg als serbischen Coach gesehen. Der ehemalige Olympiazweite in Herrendoppel lebt schon 10 Jahre in Chicago, wo er für eine Tischtennisartikel Firma als Promotor arbeitet. Nun hat er das Angebot von serbischem Verband angenommen nach Hause zu kommen und die Verantwortung für Jugend und Herren zu übernehmen. Man konnte einen ehemaligen Topspieler in der Trainerrolle sehen, einen sehr talentierter Spieler, welcher nicht gerade trainingsfleißig war, auch wegen seiner Disziplin war er nicht gerade bekannt, jedoch jetzt als Trainer harte Arbeit und totale Disziplin verlangt.


Die ukrainische Damenvertretung bei den Qualifikationen war sicherlich die auffälligste Damenriege - es waren drei Mädchen Anfang 20, alle hübsch, blond und mit gleicher Frisur! Aus dem Trio hat es Pesotska geschafft eine Fahrkarte für London zu erspielen.

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Abwehrspieler und - Spielerinnen hatten es in Luxemburg besonders schwer - fünf Tage folgte ein Spiel auf das andere, so ein Tempo als Abwehrspieler auszuhalten ist äußerst schwierig. Fast alle Abwehrspieler sind auf der Strecke geblieben, bei den Damen hat es nur Xian, bei den Herren Pattantyus geschafft. Für Pattantyus haben manche gesagt er wäre eine (schwache) Kopie des österreichischen Weltklasse Chinesen Chen Weixing, der mit Rückhand abwehrt und mit Vorhand angreift. Es war dabei auffallend, dass manche europäische Topspieler, so gut wie gar nicht gegen Abwehr spielen können. Wie zum Beispiel Portugiese Marcos Freitas und manche andere auch!

Amelie Solja, früher deutsche Jugendnationalspielerin, wechselte nach Österreich. Nach neuen ITTF Bestimmungen kann sie gar nicht für Österreich bei Weltmeisterschaften oder bei Kontinentalmeisterschaften spielen, da nach dem einundzwanzigsten Lebensjahr es nicht mehr möglich ist den Verband zu wechseln. Diese Bestimmung wurde eigentlich wegen den immer zahlreicher werdenden Chinesen in verschiedenen Nationalmannschaften eingeführt - um diese Flut zu stoppen griff man zu einer solchen Maßnahme, welche nicht im Einklang mit europäischen Menschenrechten ist. Amelie Solja konnte in Luxemburg als Österreicherin mitspielen, da für Olympia in London olympische Regeln gelten, laut welchen Solja für Österreich startberechtigt ist! Auch die Schweiz will bei den Weltqualifikationen für Olympia ihre Spielerin Sadikovic einsetzen, welche ein gleicher Fall ist wie Amelie Solja!!

Prof. Radivoj Hudetz

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